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Digitale Gesellschaft

Agile Netzwerke, Jüngstenräte und Schnellboote – wie funktioniert Führung in der digitalen Arbeitswelt?

Podium der Veranstaltung Digitale TGesellschaft
© Polizei Hamburg


(v.l. Thomas Model, Prof. Dr. Jürgen Weibler, Prof. Eike Richter,  Flavia Howe, Volker Wiedemann, Knut Bankus)

Agile Netzwerke, Jüngstenräte und Schnellboote – wie funktioniert Führung in der digitalen Arbeitswelt?
Über grundlegende Fragen von Organisation und Führung im digitalen Zeitalter diskutierten renommierte Experten, erfahrene und künftige Führungskräfte aus Verwaltung und Wirtschaft  mit dem Publikum der vierten Veranstaltung der Reihe „Sicherheit, Recht und Vertrauen in der digitalen Gesellschaft“ an der Hochschule der Akademie der Polizei Hamburg.
Digitalisierung und Automatisierung haben unsere Arbeitswelt bereits massiv verändert – und verändern sie weiter. Ihre disruptiven Kräfte lassen immer neue Wertschöpfungsketten, Geschäftsmodelle und Organisationsstrukturen entstehen, stellen etablierte Fach- und Führungskompetenzen in Frage und eröffnen bislang unbekannte Formen der Zusammenarbeit zwischen Menschen, aber auch zwischen Mensch und Maschine. Nicht nur Unternehmen, vor allem auch der Staat mit seiner Polizei und seiner Verwaltung stehen vor grundlegenden Herausforderungen. Mehr denn je wird nach agilen Netzwerken anstelle formaler Hierarchien gerufen, um die staatlichen Aufgaben auch in einer digitalen Gesellschaft erfüllen zu können. Gefordert werden strategische und transaktionale statt direktive und autoritäre Führungsstile.
Welche Anforderungen nun stellt diese Entwicklung an das Personal und an die Personalentwicklung, insbesondere in der Verwaltung und in der Polizei? Wie kann es gelingen, Menschen mit den notwendigen Kompetenzen zu gewinnen, sie zu halten und zu fördern? Was muss Führung heute leisten, um Menschen auch unter den Bedingungen der Digitalisierung Orientierung zu geben? Wie sollten Führungskräfte ihr Führungsverhalten an die neue Situation anpassen? Was bedeutet „Führung auf Distanz“ und wie verträgt sie sich mit den Anforderungen an klare Verantwortungszuordnung?
Über diese und weitere Fragen und Herausforderungen entwickelte sich eine intensive und breite Diskussion. Auf Einladung des Hamburger Forums für Sicherheit und Recht in der Digitalen Transformation diskutierten mit dem Auditorium Thomas Model, Leiter der Akademie der Polizei Hamburg, Knut Bankus, Leiter von digital.port der e.kundenservice Netz GmbH, Flavia Howe, Polizeistudierende an der Hochschule der Akademie, Univ.-Prof. Dr. Jürgen Weibler, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der FernUniversität Hagen und Senatsdirektor Volker Wiedemann, Leiter des Personalamtes der Freien und Hansestadt Hamburg.
In seinem Impulsvortrag forderte Thomas Model, den Begriff der Führung neu zu denken, nämlich als dynamische und situative Einflussnahme und damit als die Gesamtheit aller zielgerichteten Schritte in der Interaktion einer Führungskraft mit ihrer jeweiligen Arbeitsumgebung. Führungshandeln müsse zum Ziel haben, die Aufgaben sinnhaft, erfolgreich, gesund und zufrieden zu erledigen. Die Digitalisierung verlange ein neues Zusammenspiel von Verantwortung, Entscheidung und Ausführung. „Die zunehmende Dynamik überfordert tradierte Führungs- und Leitungsstrukturen.“ Thomas Model betonte die Notwendigkeiten, Menschen in Netzwerken und Resonanzgruppen zusammen zu führen, sich mit dem Thema Fehlerkultur zu beschäftigen und keine Scheu zu haben, Fehlern auch etwas Gutes abzugewinnen.
Was dies genau und konkret für Verwaltung, Polizei und Führung bedeuten kann, vertraten die Diskutantinnen und Diskutanten durch verschiedene  Einschätzungen. Jürgen Weibler differenzierte die unterschiedlichen Dimensionen von Digitalisierung für die Polizei, wie Social Media, Führungs- und Einsatzmittel, IT in der Verwaltung und schließlich Cybercrime. Dennoch änderten sich bestimmte Grundprinzipien von Führung nicht: Respekt, Vertrauen und Akzeptanz. Ein Beispiel für neue Formen von Kommunikation und Interaktion stellen sogenannte „Jüngstenräte“ der unter 30jährigen dar, die neuerdings in einzelnen Branchen der Privatwirtschaft eingerichtet würden. Diese ermöglichten einen „institutionalisierten Austausch“ zwischen jüngeren und lebensälteren Kollegen, so Jürgen Weibler.
Die engmaschig regulierte Arbeitswelt und den stark verrechtlichten öffentlichen Dienst sah Volker Wiedemann als Hauptherausforderung: „Wir müssen an die rechtlichen Themen heran.“ Insbesondere müsste es möglich werden, die geäußerten arbeitskulturellen Ideen in den Rechtsrahmen einzupassen. Führungskräfte würden künftig weniger fachlich führen, sondern sie müssten Rahmenbedingungen schaffen, damit Teams gut arbeiten können. Dies passe aber nicht zu den gegebenen rechtlichen Strukturen.
Flavia Howe wünschte sich mit Blick auf ihr künftiges Berufsleben Tempo und Flexibilität wie ein „Schnellboot“ zu haben, gleichzeitig in Teamwork tätig zu sein und die Möglichkeit, Verantwortung und Führung zu übernehmen. Dass die Polizei die Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung nutzt, um sich in der Organisation und in der Führung modern aufzustellen, sei eine selbstverständliche Erwartung der jüngeren Generation. Wie dies der Privatwirtschaft gelingt, dass aber auch sie vor grundlegende Herausforderungen gestellt wird, berichtete Knut Bankus. Natürlich unterschieden sich die Ausgangsbedingungen des öffentlichen von jenen des privaten Sektors. Was aber die Organisation von Entscheidung und Verantwortung beträfe, stellten sich durchaus ähnliche Fragen.
Die Diskussion wurde von Prof. Eike Richter, dem Gründer und Initiator des Hamburger Forums für Sicherheit und Recht in der Digitalen Transformation, geleitet und moderiert. Die Reihe wird fortgesetzt. Wenn Sie benachrichtigt werden möchten, wenden Sie sich gerne an die Akademie unter ak01-veranstaltungen@polizei.hamburg.de.