Polizei-Informatik 2016

Zur ersten Fachtagung für Lehrende und/oder Forschende in der Informatik an Hochschulen und Akademien der Polizeien lud der Fachhochschulbereich der Akademie der Polizei Hamburg ein.

Polizei-Informatik 2016

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Am 19. und 20. April 2016 trafen sich 50 Interessierte zur Fachtagung Polizei-Informatik 2016 an der Akademie der Polizei Hamburg. Prof. Dr. Wilfried Honekamp, Professor für Angewandte Informatik der Akademie der Polizei Hamburg, hatte Lehrende und Forschende von Hochschulen und IT-Ermittler aus den Polizeien der Bundesländer, Vertreter der IT-Wirtschaft, von Europol und von Staatsanwaltschaften erstmals zum gemeinsamen wissenschaftlich -fachlichen Austausch nach Hamburg eingeladen. In seinen einleitenden Worten machte der Hamburger Polizeipräsident Ralf-Martin Meyer deutlich, dass die quantitativen und qualitativen steigenden Anforderungen an die Polizei Hamburg im Bereich Cybercrime nicht nur in den Studiengängen der Akademie der Polizei Hamburg, sondern in der gesamten polizeilichen Aufgabenwahrnehmung Innovation und Kreativität erfordern.

Den Einführungsvortrag unter der Überschrift „Modulares Cybercrime“ hielt der niedersächsische Oberstaatsanwalt Dieter Kochheim, dessen Beiträge unter www.cyberfahnder.de seit Jahren große Beachtung finden. Das klassische Verständnis arbeitsteiliger Kriminalität, dass von Banden mit dauerhaft gemeinsam handelnden Tätern geprägt ist, wird immer mehr von einer eher projektartigen Betrachtung abgelöst, bei der kriminelle Grunddienstleistungen zunehmend als Crimeware-as-a-Service bei spezialisierten „Dienstleistern eingekauft“ werden. „Das Cybercrime hat nicht nur alle neu entstandenen Techniken und wirtschaftlichen Neuerungen besetzt, sondern auch eine zunehmende Tendenz zur geschäftsmäßigen Arbeitsteilung in der Weise, dass maßgebliche Zulieferungen und unterstützende Dienste, die besonderes Wissen oder eine stabile technische Infrastruktur benötigen, von Experten mietweise oder gegen ein einmaliges Entgelt zugeliefert oder gepflegt werden. Mit der Underground Economy ist ein krimineller Markt entstanden, auf dem nicht nur ausgespähte Daten und Informationen gehandelt werden, sondern zunehmend auch spezialisierte Dienste, Programme und Werkzeuge“.

‚An der Erfindung und Verbreitung des Automobils vor 130 Jahre war die Polizei in keiner Weise beteiligt und doch entwickelte sich dadurch eines ihrer größten Aufgabengebiete, aus dem in der weiteren wissenschaftlichen Betrachtung die Verkehrslehre als Polizeiwissenschaft entstand. Die Erfindung und Verbreitung von Computern und des Internets ist bei weitem noch nicht so alt wie das Automobil. Dennoch ist absehbar, dass Fortschritt und Entwicklung der Gesellschaft dadurch mindestens ebenso weitreichend beeinflusst werden, wie durch das Automobil. Die Notwendigkeit wissenschaftlicher Beschäftigung mit IT in allen Variationen wird bereits heute als wachsender Aufgabenbereich der Polizei erkannt‘. Mit dieser Einleitung seines Vortrags über die erste Ausbaustufe des Forschungsprojektes ECONELA, das den Aufbau eines experimentellen Computer- und Netzwerk-Labors für die anwendungsbezogene informationstechnische Lehre und Forschung zum Ziel hat, fokussierte Prof. Dr.-Ing. Steffen Bug, Professor an die Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung in Kassel, auch die Intention der Fachtagung.

Mit den Vorträgen „Workflow und Herausforderungen digitalforensischer Ermittlungen“ von Tanja Lautenschläger und „Virtualisierung in forensischen Laboren“ von Heiko Rittelmeier erhielten die Teilnehmer der Fachtagung einen Einblick in die Ansätze von IT-Forensikern in der Wirtschaft und der Polizei. Der Beitrag über „Ermittlungsunterstützung durch Open-Source-Intelligence“ von Thomas S. Wehlte und die Vorstellung der „Schnellen Live-Datensicherung vor Ort“ von Andreas Köblin und Thomas Wehlte, beide IT-Dozenten an der Akademie der Polizei Hamburg, bot den Tagungsteilnehmern einen Einblick in praktische Lehrinhalte der IT-Fortbildung an der Akademie der Polizei Hamburg.

In ihrem Projekt „Cybercrime-Response-Readiness“ betrachten Prof. Dr. Wilfried Honekamp und sein Mitarbeiter Jörg Mielke die  Cyberkriminalität der Zukunft. Cyberangriffe auf IT-Systeme kritischer Infrastrukturen wie Kraftwerke und Krankenhäuser sind bereits Realität. Ihr Beitrag stellte die Gefahren von Cyberangriffen auf die vernetzte IT großer Seeschiffe in den Focus. Nicht nur Navigationsanlagen, sondern auch die Steuerung der Antriebsmaschinen, der gesamten elektrischen Versorgung, der Ballasttankbefüllung und der Ruderanlagen auf großen Kreuzfahrt-, Container- und Frachtschiffen wird von vernetzten Rechnern übernommen, die Ziele von Cyberangriffen sein können. Mit Unterstützung der Wasserschutzpolizei und der Wasserschutzpolizeischule in Hamburg gelang es Prof. Honekamp, die Navigationsanlage in einem Schiffssimulator und auf einem Schiff erfolgreich anzugreifen. Der Schadensumfang, der bei Havarien durch Cyberangriffe entstehen könnte, ist unabsehbar, daher werden große Seeschiffe analog zu kritischen Infrastrukturen an Land betrachtet.

Die Untersuchungen einer Spezialisierung eines Bachelorstudiengangs im Bereich Cybercrime des Dekans der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg, Prof. Dr. Werner Walser, zeigten auf, dass die Entwicklung des Studiums an Hochschulen der Polizei, vor dem Hintergrund der sich stetig erweiternden Anforderungen an die Bekämpfung von Cybercrime, überprüft und angepasst werden muss. Ein ständiger Austausch der Bildungseinrichtungen und der Lehrenden kann dieses Ziel wirksam unterstützen. Dass Malware eine bleibende Herausforderung in Netzwerken und auf Rechnersystemen darstellt, gegen die es selbst bei konsequenter Anwendung von Präventivmaßnahmen und nachhaltigem Monitoring und Controlling, zumindest in nächster Zeit, keine hundertprozentige Sicherheit geben wird, führte Prof. Dr. Roman Povalej, der an der Polizeiakademie Niedersachsen im Fach Informatik lehrt und forscht, in seinem Vortrag aus. Die immer größere Vernetzung durch Trends wie Internet-der-Dinge oder Industrie 4.0 erzeugt weitere standardisierte, normierte Schnittstellen, die neue Angriffsflächen für Malware schaffen.

Prof. Dr. rer. nat. Dirk Labudde leitet als Professor für Bioinformatik das Forensic Science Investigation Lab sowie die BioInformatics Group an der Hochschule Mittweida. Dort befasst man sich mit der automatischen forensischen Textanalyse von Kurznachrichten (SMS und MMS). Der traditionelle Weg der Analyse forensischer Textnachrichten umfasst die Schritte Physikalische Datensicherung und Lesen und Bewerten der gesamten textuellen Inhalte, unter Einbeziehung aller extrahierten Meta-Daten, durch einen Ermittlungsbeamten. Ein Prototyp des an der Hochschule Mittweida entwickelten forensischen Analysewerkzeugs für Kurznachrichten MoNA (Mobile Network Analyzer) wurde bereits bei Verfahren aus dem Bereich Rauschgiftkriminalität getestet. Dabei wurden aus einem Bestand von 14.307 Kurznachrichten (SMS) und 132.345 Chatnachrichten automatisch die relevanten Nachrichten herausgefiltert, so dass der Aufwand für die manuelle Suche bereits um 85% im Vergleich zum traditionellen Vorgehen gesenkt werden konnte. Im Fokus der weiteren Forschung steht die Verbesserung des Wörterbuches, um noch präzisere Analyseergebnisse zu erhalten, die als gerichtsfeste Beweismittel dienen können.

Die Absicht, einen regelmäßigen Austausch zwischen Lehrenden und Forschenden an Hochschulen und Akademien der Polizeien untereinander und mit Praktikern aus Sicherheitsbehörden und Wirtschaft herzustellen, fand die uneingeschränkte Zustimmung aller Teilnehmer. Man war sich einig, dass die Fachtagung Polizei-Informatik im April 2017 in Niedersachsen stattfinden wird. Weitere Informationen sind unter www.polizeiinformatik.de zu finden. Der Tagungsband Polizei-Informatik 2016 mit allen Beiträgen ist beim Rediroma-Verlag unter der ISBN 978-3-86870-944-5 erschienen.

Buchtitel IT-Sicherheit

Der Tagungsband Polizei-Informatik 2016 mit allen Beiträgen ist beim Rediroma-Verlag unter der 
ISBN 978-3-86870-944-5 erschienen.