Strategien im Umgang mit Fangewalt im Fußball

Der Fachhochschulbereich der Akademie der Polizei Hamburg lud zu einem Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion ein.

Strategien im Umgang mit Fangewalt im Fußball

Ankündigung der Veranstaltung


Am  9. Juni 2016 lud der  Fachhochschulbereich der Akademie zu einer Sondervorlesung  mit anschließender Podiumsdiskussion ein.
Akademieleiter Thomas Model sagte anlässlich der Begrüßung der rund 150 Gäste, darunter zahlreiche Auszubildende und Studierende der Akademie, er sei sehr stolz, dass die heutige Veranstaltung hier stattfinde und dankte Prof. Dr. Kristin Pfeffer für ihre Initiative und ihr Engagement.

Podiumsdiskussion Fangewalt in Fussballstadien

Die vielfältigen Maßnahmen der Vereine und der Deutschen Fußball Liga erläuterten deren Justiziarin Christina Gassner und Benjamin Kandler, stellvertretender Leiter Fanangelegenheiten bei der DFL, in ihrem gemeinsamen Vortrag. Sie betonten insbesondere die Pflichten der Vereine, Sicherheits- und Fanbeauftragte zu beschäftigen.  Fanprojekte hingegen seien Einrichtungen der außerschulischen Jugendarbeit.
Instrumente der präventiven Arbeit seien unter anderem „Kurvengespräche“ mit Fanvertretern und Regionalkonferenzen. Mit dem Fördertopf PFIFF würden besonders innovative Projekte der Fankultur bezuschusst. Die Vereine begegneten dem Thema der Sicherheit im Stadion auch mit infrastrukturellen Neuerungen wie vermehrter Installation von Videokameratechnik und „Vereinzelungsanlagen“, besser als Drehkreuze bekannt. Die Fankultur solle kritisch, konstruktiv und gewaltfrei sein.     

Podiumsdiskussion Fangewalt in Fussballstadien

In der anschließenden Podiumsdiskussion unter Leitung von Prof. Dr. Kristin Pfeffer ging es darum, dem Gewaltphänomen aus verschiedenen Blickwinkeln nachzuspüren und verschiedene Strategien zu diskutieren, diesem zu begegnen.
Nach den besonders häufig gewalttätig in Erscheinung tretenden Fantypen gefragt, erläuterte der HSV-Fanbeauftragter Joachim Ranau: Die Hooligans seien vor allem ein Phänomen der 80er und 90er Jahre gewesen und seitdem weniger aktiv. Stattdessen spielten die sogenannten „Ultras“ eine größere Rolle, denen es u.a. auch  um eine gewisse „Choreographie“ bei Spielen ginge. Zu deren „Inszenierungen“ gehöre zum Teil auch die Verwendung von (verbotener) Pyrotechnik.
Der Kriminologin, Prof. Dr. Stefanie Kemme, war in diesem Zusammenhang an einem differenzierten Blick auf die Fans sehr gelegen. Sie wies auf die wichtige Unterscheidung zwischen Hooligans und Ultras hin. Während die Hooligans den Konflikt mit der Polizei oft geradezu suchten, handele es sich bei den Ultras eher um eine Jugendkultur. Diese Gruppierung plane nicht aktiv Ausschreitungen mit der Polizei. Zudem besagten Studien, dass „die beste Form der Deeskalation die Kommunikation“ sei. Der Einsatzleiter der Polizei im Volksparkstadion, Frank Hansen, äußerte sich skeptisch gegenüber der  „Alternativkultur“ der Ultras:  „Wenn rechtliche Normen verletzt werden, greift der polizeiliche Auftrag.“ Auf einschlägigen Websites werde im Vorfeld offensichtlich zu verbotenen Handlungen aufgerufen.
Nach der Anzahl der gewaltbereiten Fans bei einem Risikospiel im Volksparkstadion gefragt, antwortete  Frank Hansen,  regelmäßig würde man hier „über lediglich rund 0,5-1% der Zuschauer sprechen. Die allermeisten kommen, um das Sportevent zu genießen.“ Für normale Spiele werde auch „im Vergleich mit anderen Standorten ein sehr geringer Kräfteansatz gefahren“, bei sogenannten „Risikospielen“ seien erfahrungsgemäß 400-600 Polizeibeamte im Einsatz.
Zum Umfang der eingesetzten Ordner im Volksparkstadion befragt, erläuterte der Geschäftsführer der Power GmbH, Carsten Klauer, dass sein Unternehmen, welches an einem normalen Spieltag rund 470 Ordner stelle,  der Polizeiarbeit vorgeschaltet sei: „Von unserer Seite kann ich sagen, dass die Zusammenarbeit sehr gut funktioniert. Wir haben unsere Einsatzzentrale im Stadion direkt neben der Zentrale der Polizei“.  

Podiumsdiskussion Fangewalt in Fussballstadien

Als mögliche Strategie brachte die Moderatorin, Prof. Dr. Kristin Pfeffer, sodann einen Erlass des Innenministers in Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger, in die Diskussion ein, wonach die Polizei bei Spielen, die nicht als Risikospiele eingestuft werden, deutlich weniger Präsenz in und um das Stadion zeigen soll. Ob mehr oder weniger Polizeipräsenz im Stadion jeweils die Fangewalt fördere oder sie unterbinde, wurde sodann zwischen allen Teilnehmern kontrovers diskutiert. Hier bestehe noch weiterer Forschungsbedarf, da nicht viele Studien hierzu vorhanden seien.
Die Kriminologin, Prof. Dr. Stefanie Kemme stellte sodann mit Blick auf den Präventionsgedanken heraus: „Wenn ich präventiv tätig werden will, muss ich zunächst einmal die Beweggründe der verschiedenen Gruppierungen kennen. Es treffen hier unterschiedliche Dynamiken aufeinander“.
Eine weitere diskutierte Frage lautete: Kann ein Verbot des Alkoholausschanks im Stadion Aggression und Gewalt reduzieren? PK-25-Leiter Frank Hansen wies zunächst einmal darauf hin, dass grundsätzlich ein Alkoholverbot gelte. In praxi sei es umgekehrt und der Ausschank der Normalfall. Wenn ein Verbot für ein Risikospiel angemessen erscheine, müsse die Polizei dieses anordnen, dies geschehe aber sehr selten.
Aus Sicht des HSV-Fanbeauftragten Ranau gebe es „keine belastbare Studie zum Zusammenhang zwischen Alkoholverkauf im oder am Stadion und den Gewalttaten“. Schließlich könnten sich Fans auch bereits vor der Anreise zum Stadion „druckbetanken“. Für viele Zuschauer gehöre im Übrigen „ein Bierchen zum Spiel“, und die Vereine refinanzierten über den Alkoholverkauf einen Teil ihrer gestiegenen Kosten. Auch aus Sicht der Kriminologin Prof. Dr. Kemme stellt ein Alkoholverbot im Stadion keine geeignete Maßnahme dar, obwohl der grundsätzliche Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Aggressivität eindeutig erwiesen sei.
Auf die Frage, wie die Deutsche Fankultur im internationalen Vergleich einzuschätzen sei, antwortete die häufig auf ausländische und internationale Fußballverbände treffende Christina Gassner von der DFL, das Bild, welches das Ausland von deutschen Fans habe, sei sehr positiv.  Dazu trage auch die „Stehplatzkultur“ bei, die es insbesondere allen sozialen Schichten ermögliche, Fußballtickets zu erwerben.
Zusammenfassend stellte Carsten Klauer fest: „Von der Fanbetreuung bis zur Repression bilden wir eine durchgehende Kette. Jeder Akteur spielt eine Rolle in dieser Kette. Die Ergebnisse der letzten Jahre sind positiv, so dass man sagen kann, Hamburg ist hier gut aufgestellt.“
Nach einigen spannenden Publikumsfragen dankte die Moderatorin, Prof. Dr. Kristin Pfeffer,  am frühen Abend schließlich den engagierten Diskutanten ebenso wie den interessierten Zuhörern und gab den Studierenden und Gästen mit auf den Weg: „Fußball ist für viele Deutsche die schönste Nebensache der Welt. Um den Schattenseiten der Fankultur zu begegnen arbeiten viele Akteure an immer neuen Strategien, um Fußballspiele noch sicherer zu machen. Ich hoffe, Sie haben heute hierzu neue Denkanstöße erhalten und wünsche uns allen eine fröhliche und vor allem friedliche Europameisterschaft.“  

Podiumsdiskussion Fangewalt in Fussballstadien

Ein Mitschnitt der Podiumsdiskussion ist im nachstehenden Video anzusehen.